Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club Kreisverband Marburg-Biedenkopf e. V.

Haushaltsrisiken und Verkehrssicherheit in Marburg - ein offener Brief

Eine Marburger Bürgerin hat einen offenen Brief an Oberbürgermeister Dr. Thomas Spiess adressiert. Wir stimmen vielem der dort formulierten Inhalte zu und veröffentlichen den Brief daher gern untenstehend.

Radfahrerin im dichten Verkehr.
Radfahrerin im dichten Verkehr. © ADFC/ April Agentur

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte Mitglieder des Verkehrsausschusses,

die stetige Zunahme von überbreiten und überschweren Pkw (SUVs) gefährdet nicht nur die Verkehrssicherheit in Marburg, sondern belastet den städtischen Haushalt massiv. Als Entscheidungsträger tragen Sie die treuhänderische Verantwortung für die kommunalen Finanzen und die Sicherheit im öffentlichen Raum.
 

Ich fordere Sie auf, das höchstrichterlich bestätigte Instrument der Gebührenstaffelung (BVerwG, Az. 9 CN 2.22) unverzüglich anzuwenden. 

Die Faktenlage erfordert ein Umdenken von reiner Verkehrspolitik hin zu kommunaler Risikominimierung:

1. Der finanzielle Hebel: Das Vierte-Potenz-Gesetz

Die physikalische Straßenschädigung wächst mit der vierten Potenz der Achslast. Konkret: Ein 2,4 Tonnen schwerer SUV verursacht nicht den doppelten, sondern den 16-fachen Verschleiß eines 1,2-Tonnen-Kleinwagens. 

Kostenfolge für Marburg: Straßenoberflächen und Unterbau müssen Jahre früher als geplant grundhaft saniert werden. Aktuell subventioniert die Allgemeinheit diesen Verschleiß. Eine gewichtsbasierte Parkgebühr ist keine verkehrspolitische Schikane, sondern eine zwingende Kostendeckungsumlage. Verlängert die Stadt durch eine Reduzierung extremer Achslasten im Zentrum ihre Sanierungszyklen im Tiefbau auch nur um 10 bis 15 Prozent, spart dies mittelfristig Millionenbeträge im städtischen Haushalt.
 

2. Kommunale Schutzpflicht und Unfallfolgen

Laut Transport & Environment (T&E) erhöht eine um 10 cm höhere Fahrzeugfront das Risiko tödlicher Verletzungen bei Fußgängern um 27 %, bei Kindern um 81 %. 

Sicherheitsfolge für Marburg: Wenn die Verwaltung normgerechte Parkstände beibehält, ragen breite Fahrzeuge unweigerlich in Rad- und Fußwege hinein. Dies erzwingt Ausweichmanöver von Kindern und älteren Menschen in den Fließverkehr. Die Stadt hat hier eine Verkehrssicherungspflicht. Die konsequente Verdrängung dieser Fahrzeuge aus dem engen Stadtkern bedeutet statistisch weniger Schwerverletzte, sinkende Kosten für Rettungseinsätze und den Schutz von Menschenleben.

Forderungen zur sofortigen Umsetzung:

1. Kostendeckung: Einführung einer gewichts- und größenbasierten Progression für Parkgebühren (Besucher und Anwohner).

2. Infrastrukturschutz: Striktes Festhalten an bestehenden Parkplatz-Normmaßen. Keine Flächenumverteilung zulasten von Fuß- und Radwegen zur Unterbringung von Überbreiten.

3. Gefahrenabwehr: Konsequente Ahndung bei Verletzung des Lichtraumprofils durch Überbreite, um den gesetzlichen Mindestdurchgang für Rollstühle und Kinderwagen jederzeit freizuhalten (RASt 06; DIN 18040-3).

Die Stadtverwaltung darf das Kostenrisiko privater Fahrzeugkäufe nicht länger vergesellschaften. Ich erwarte eine fachliche Prüfung und Ihre Stellungnahme bis zum 23.07.2026.


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